LL – Kapitel 19 => Ritual

19-ritualNach dem Abendessen führte Puschkin das Libellchen in den Garten. „Was ist eigentlich deine Aufgabe hier im Himmelreich?“ Das Libellchen war neugierig. Für sie gehörte der schwarze Panther zwar definitiv hierher, aber was er hier so tat, konnte sie noch nicht einordnen.

„Ich bin der Muserich für kleine Libellchen und große Berghexen“ knurrte der Panther. „Was bitte ist ein Muserich?“ „Der männliche Gegenpart zu einer Muse natürlich!“ Da musste das Libellchen schallend lachen. „Muserich, haha!“ Doch sie spürte auch dass er genau das war. Eine Inspirationsquelle für alle verlorenen Seelen die auf der Suche nach sich selbst waren.

Sie strich dem Panther durch das glänzende Fell und schenkte ihm ein „Danke“ aus tiefstem Herzen. Den Rest des Weges verbrachten sie schweigend. Das Libellchen überlegte was sie erwarten würde. MagdaLena hatte ihr nur gesagt, sie solle sich überlegen, was sie alles nicht mehr wollte. Was sie gerne loswerden würde.

Und das hatte das Libellchen auch getan. Es gab da einige Dinge, die sie nicht mehr brauchte. Selbstzweifel, Verzweiflung, Trauer, Selbstmitleid und noch sehr vieles mehr. Die Tage hier im Himmelreich haben ihr gezeigt wie viel eigentlich in ihr stecken würde, doch dazu musste sie alte Verhaltensmuster ablegen.

Und während das Libellchen so am grübeln war, führte sie Puschkin in ein kleines Wäldchen. Ihr war der Wald bisher noch gar nicht aufgefallen. Aber das kannte sie schon. Sie sah gewisse Dinge hier im Himmelreich immer erst dann, wenn sie sie brauchte. Ganz wie im echten Leben. Dort sahen die Menschen auch nur jene Dinge für die sie bereit waren.

Plötzlich standen sie auf einer Lichtung. Sie war kreisrund und Holzbänke standen rund um die Lichtung am Waldrand und in der Mitte war eine Feuerstelle. Der einzige Zugang war der, den sie gerade benutzten. Das Libellchen blieb stehen und blickte sich um. Eine total entspannte Energie durchflutete sie. Sie fühlte sich gut! Irgendwie gelöst als wären alle Mauern eingerissen worden.

Plötzlich stand MagdaLena hinter ihr. Sie hatte was zum Schreiben, eine Trommel, ein Feuerzeug und Jack dabei. Die Schreibsachen drückte sie Libellchen mit den Worten „Schreib alles auf, das du nicht mehr brauchst“ in die Hand. Das ließ sich das Libellchen nicht zweimal sagen. Sie setzte sich auf eine Bank und fing an zu schreiben. Puschkin wich ihr dabei nicht von der Seite. Der Muserich wollte offensichtlich sicher gehen, dass sie nichts vergaß. Und während das Libellchen eifrig schrieb, machte Jack mit MagdaLena Feuer.

Als das Libellchen fertig war, ging sie zu dem Feuer und wartete erwartungsvoll was als nächstes passieren würde. Da sah sie, dass MagdaLena noch ein paar Zettel dabei hatte. „Was hast du da alles mit? Das ist ganz schön viel Papier.“ „Das ist nicht alles von mir. Das sind Mails von Menschen, die weit weg wohnen und auch Dinge loswerden wollen. Sie schreiben sie auf, mailen sie mir und ich übernehme die Übergabe ans Feuer für sie.“

Sprach sie und begann ganz andächtig einen Zettel nach dem anderen ins Feuer zu werfen. Als sie fertig war machte Jack es ihr nach. Als auch er fertig war, ging das Libellchen zum Feuer, warf das Blatt hinein und beobachtete wie das Feuer den Zettel verbrannte. Und während das Libellchen das Feuer betrachtete, fing Jack zu trommeln an. Der gleichmäßige Rhythmus hüllte sie ein. Dazu das warme Feuer, die schönen Flammen, fast wäre sie im stehen eingeschlafen.

Sie zog es vor sich hinzusetzen. Sie ließ sich auf die Bank fallen und wünschte sich das Leben könnte immer so entspannt und einfach sein, wie gerade. Plötzlich verstummte die Trommel. Jack war aufgestanden, zu ihr gegangen und hielt ihr die Trommel hin. Sollte sie etwa trommeln? Aber sie konnte das doch gar nicht! „Probier es doch einfach und lass dich überraschen.“ Puschkin hatte ihre Panik natürlich mitbekommen. Sie nahm die Trommel, betrachtete sie und begann ihren Herzschlag auf die Trommel zu übertragen.

Und während sie trommelte dachte sie über ihr Leben nach und ihre Schläge wurden immer schneller und lauter. Und so saß das Libellchen auf der Lichtung im Himmelreich und trommelte sich ihr Leben von der Seele.

© Libellchen, 2011

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